Die Geschichte

 

Die Mädchen von Zimmer 28, L 410, Theresienstadt

© Aufgezeichnet von Hannelore Brenner-Wonschick, Berlin

Zwölf bis vierzehn Jahre alt waren die Mädchen, die von 1942 bis 1944 im Mädchenheim L 410 in Theresienstadt zusammenlebten; 30 Quadratmeter für dreißig Mädchen, das war Zimmer 28. Sie waren ‚Ghetto-Häftlinge, einige der 75,666 Menschen aus dem sog. ‚Protektorat Böhmen und Mähren’, die nach dem Einrücken deutscher Truppen in ihre Heimat zu Juden deklariert, verfolgt, beraubt, entrechtet und schließlich ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Dort, im Mädchenheim L 410 (Foto), trafen ihre Wege aufeinander…

Betreut von Erwachsenen, Häftlinge wie sie, lebten sie für eine Weile zusammen, schliefen auf zwei- und dreistöckigen Holzpritschen, nahmen gemeinsam ihre dürftigen Essenrationen ein, hörten am Abend der Betreuerin zu, wenn sie aus einem Buch vorlas oder erzählten sich, wenn das Licht gelöscht wurde, von ihren Erlebnissen, ihren geheimsten Gedanken, Sorgen und Ängsten.

Immer wieder wurden einige Mädchen jäh aus ihren Reihen gerissen; sie mussten antreten zum gefürchteten Transport nach Osten. Neue Mädchen kamen, neue Freundschaften entstanden. Dann wurde auch Und doch – es gab Augenblicke, da erlebten die Kinder ihr ‚Heim’ als eine Insel der Freundschaft und der Hoffnung. Dann lernten, spielten, sangen sie oder malten und zeichneten im Unterricht mit der unvergesslichen Künstlerin Friedl Dicker Brandeis.
Als ab Juli 1943 die Kinderoper Brundibár geprobt wurde, waren auch Mädchen von Zimmer 28 dabei - Ela Stein als Katze, Maria Mühlstein als Spatz, Handa und Flaška sangen im Chor der Schulkinder...

Im engen Zimmer 28, unter dem Druck der Geschehnisse, wuchsen die Mädchen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich ein eigenes Motto, eine Hymne und eine Flagge schuf und eine Organisation gründete, den „Maagal“ – hebräisch für Kreis und, im übertragenen Sinne ‚Vollkommenheit’. Denn das war ihr Ziel.

Das Ziel der Transporte jedoch, die viele der Mädchen mit sich rissen, war Auschwitz-Birkenau. Dort wurden die meisten und mit ihnen mehr als 14.000 Kinder ermordet. Von etwa sechzig Mädchen, die vorübergehend im diesem Zimmer lebten, haben fünfzehn überlebt.

Buch und Ausstellung erzählen die authentische Geschichte dieser Mädchen. Sie erfüllen zwei wesentliche Wünsche der überlebenden Frauen: an die Freunde zu erinnern und an all jene, die im Holocaust ermordet wurden; und das Engagement jener Erwachsenen in Theresienstadt zu würdigen, die alles dafür taten, um die Kinder „vor der Entwertung des Guten“ (Fredy Hirsch) zu retten. Über Jahre haben zehn der Frauen gemeinsam mit der Autorin Erinnerungen und Dokumente zusammengetragen – Helgas Tagebuch, Flaskas Poesiealbum, Handas Notizbüchlein, Veras Album, Gedichte, Briefe, Kinderzeichnungen...

Entstanden ist sehr viel mehr als ein weiteres Buch zum Holocaust. Entstanden ist ein überwältigendes Zeugnis der Menschlichkeit aus einer unmenschlichen Zeit - ein hochaktuelles Buch und eine Ausstellung mit erstaunlichem pädagogischem Wert.

Buch und Ausstellung inspirierten seit 2004 zu vielerlei Projekte, Veranstaltungen und Aktivitäten; auch zur Gründung des Freundeskreises Room 28 e.V..



Liebe Flaška,
So wie dieser große Pilz den kleinen Pilz schützt, so schützt Dich das Heim. Nach einiger Zeit aber wirst Du die anderen schützen müssen. Darum bereite doch schon jetzt darauf vor, dass Du eines Tages Dein Darlehen zurückzahlen musst.
Überlege niemals lange, wenn du eine gute Tat vollbringen kannst, und verliere niemals die Hoffnung. Ohne Hoffnung kannst Du nicht leben. Und erinnere dich auch später an die, die Du gerne gehabt hast. Auch vergesse nicht die, die so sind wie ich. 
Deine Fiška, 5.10.1944